Unsere Vision: Wir leben Kirche
Leidenschaftliche Gelassenheit
Leidenschaftliche Gelassenheit
30.06.2026 | Rubrik: Impuls | 2 Minuten Lesezeit
Wie lebt man richtig? Auf diese Frage antwortete der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal mit dem Gelassenheits-Gebet des Theologen Reinhold Niebuhr. In diesem Gebet steckt eine tiefe geistliche Wahrheit: Gelassenheit beginnt mit Unterscheidung. Sie wächst dort, wo wir erkennen, was in unserem Einflussbereich liegt und was nicht.

Es gibt vieles in unserem Leben, das wir nicht steuern können. Ereignisse, Entwicklungen, offene Türen und geschlossene Türen. Gleichzeitig hat Gott uns Menschen Würde, Verantwortung und Gestaltungskraft geschenkt. Wir sollen nicht einfach zuschauen. Wir dürfen und können handeln, entscheiden, mittragen und mitgestalten.

Diese Spannung beschreibt Jesus im Gleichnis vom Wachsen der Saat in Markus 4. Ein Mensch sät den Samen aus. Dann geht er schlafen, steht wieder auf und lebt seinen Alltag. Und währenddessen wächst die Saat. Er arbeitet, aber er macht das Wachstum nicht. Das Entscheidende bleibt Geschenk.

Viele Christinnen und Christen geraten hier in ein Ungleichgewicht. Die einen leben so, als hinge alles von ihnen ab. Sie engagieren sich pausenlos, fühlen sich für alles zuständig und tragen mehr, als Gott ihnen aufgetragen hat. Die anderen ziehen sich zurück und überlassen alles einer passiven Frömmigkeit. Gott wird es schon richten, irgendwie.

Beides allein greift zu kurz.

Leidenschaftliche Gelassenheit hält beides zusammen: engagiertes Handeln und tiefes Vertrauen. Oder anders gesagt: Wir tun, was wir tun können, und überlassen Gott, was nur er tun kann.

Das eine tun und das andere nicht lassen

Besonders deutlich wird das bei Jesus selbst. In Johannes 2 begegnet er uns voller Leidenschaft. Der Eifer um das Haus seines Vaters bewegt ihn so sehr, dass er im Tempel Missstände nicht einfach hinnimmt. Jesus ist klar, mutig und innerlich beteiligt.
Später sehen wir denselben Jesus im Garten Gethsemane. Dort ringt er mit dem Weg, der vor ihm liegt, und betet: «Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe» (Lukas 22,42). Auch hier ist er nicht passiv. Aber er lässt los und vertraut sich ganz dem Vater an. Wehrlos lässt er sich von den Soldaten gefangen nehmen.

Jesus zeigt: Leidenschaft und Gelassenheit sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.

Ein zugespitztes Wort, das Martin Luther zugeschrieben wird, bringt diesen Gedanken gut auf den Punkt: «Bete, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt.» Auch wenn dieser Satz provoziert, erinnert er an etwas Wichtiges: Im geistlichen Leben geht es oft nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Das sehen wir auch bei Maria und Marta. Oft wird diese Geschichte so verstanden, als müssten wir uns entscheiden, ob wir eher wie Maria oder eher wie Marta sind. Doch eigentlich zeigt sie etwas anderes: Aktion und Kontemplation, Hören und Handeln gehören beide in unser Leben – und zwar gleichzeitig. Beides hat seinen Platz in uns. Reife Spiritualität entsteht dort, wo wir lernen, zur richtigen Zeit zu hören und zur richtigen Zeit zu handeln – und beides miteinander zu verbinden.

Eine Haltung für Viva Kirche

Für uns als Viva Kirche wünschen wir uns genau diese Haltung: eine leidenschaftliche und engagierte Gelassenheit. Wir wollen uns mit ganzem Herzen für Jesus Christus, sein Reich und die Menschen um uns herum einsetzen. Wir wollen Verantwortung übernehmen, mutig gestalten und uns nicht in Gleichgültigkeit zurückziehen. Und zugleich wissen wir: Das Reich Gottes ist nicht unser eigenes Projekt. «Wenn der Herr nicht das Haus baut, arbeiten die Bauleute vergebens daran» (Psalm 127,1).

Vielleicht braucht christliches Leben tatsächlich zweimal hundert Prozent: hundert Prozent Hingabe und hundert Prozent Vertrauen. Hingabe an das, was Gott uns anvertraut hat. Vertrauen darauf, dass letztlich nicht alles von uns abhängt.
Frei zum treuen Handeln

Leidenschaftliche Gelassenheit ist eine geistliche Grundhaltung. Sie lebt aus der Überzeugung, dass Gott uns Mitverantwortung schenkt und uns zugleich nicht überfordert. Wir dürfen uns engagiert einsetzen, ohne alles selbst verantworten zu müssen. Wir dürfen uns investieren, ohne uns selbst zu verlieren. Wir dürfen loslassen, ohne gleichgültig zu werden. Leidenschaftlich und gelassen zugleich.

Leidenschaftliche Gelassenheit
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